Positive Emotionen und ihre Bedeutung

    Die Trennung in negative und positive Emotionen ist bekannt, doch was wird darunter eigentlich genau verstanden? Wir setzten positive Empfindungen oft mit dem Begriff „glücklich“ gleich. Empfindungen und Gefühle wie Freude, Stolz, Wohlbefinden, Interesse, Zufriedenheit und Fröhlichkeit sind Faktoren, die einen Menschen glücklich machen.

    Dabei ist glücklich zu sein in unserer Kultur nicht nur ein persönliches Ziel, sondern wird oft auch mit anderen Lebensbereichen in Verbindung gesetzt. Studien zeigen, dass ein großer Zusammenhang zwischen dem Empfinden von positiven Emotionen und beruflichem Erfolg, wohltuenden Beziehungen und Gesundheit besteht. Kurz gesagt, positive Emotionen haben Einfluss auf fast jeden Bereich des Lebens.

    Für eine positive Beeinflussung ist allerdings nicht die Intensität der Empfindung wichtig. Es geht darum, regelmäßig positive Emotionen zu erfahren. Hierbei kommt es auf das Verhältnis von negativen und positiven Empfindungen an. Soll heißen, wenn wir trotz negativen Gefühlen dennoch Freude oder eine anderes positive Gefühl haben können, wirkt sich das auf unser gesamtes Wohlbefinden aus. Der Schlüssel für den Schutzfaktor der positiven Emotionen ist, sie öfter als oder gleichzeitig mit negativen Emotionen zu empfinden.

    Was machen positive Emotionen zu einem Schutzfaktor?

    Positive Emotionen ergeben sich meist aus Erfolg, guten sozialen Beziehungen oder körperlicher und geistiger Gesundheit. Doch zusätzlich sind sie ebenso für diese Bereiche auch fördernde Faktoren.

    Positive Emotionen sind ein wertvoller Schutzfaktor für Resilienz.

    Eine Studie (Diener u.a. 2002) zeigte auf, dass fröhlichere Studierende später ein höheres Einkommen erzielten, als weniger fröhliche. Des Weiteren zeigten Marks und Fleming in einer Studie 1999, dass glückliche Personen eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit für eine funktionierende Ehe hatten. Und schließlich wurde in einer Studie von 2006 der Zusammenhang von positiven Emotionen und dem Immunsystem untersucht (Cohen u.a.). Dazu wurden Erwachsene einem Erkältungsvirus ausgesetzt und das Erleben von positiven Emotionen hatte tatsächlich eine Abwehrwirkung gegen den Krankheitserreger.

    All diese Studien zeigen auf, dass positive Emotionen auf die eine oder andere Weise den Menschen schützen oder unterstützen. Sie stärken die Resilienz, also machen ihn innerlich widerstandsfähiger. Das gilt auch für psychische Belastungen. So wurde in einer großen niederländischen Forschung aufgezeigt, dass das häufige und simultane Erleben von positiven Emotionen neben den negativen Empfindungen einen schützenden Effekt gegen Traumata oder psychischen Belastungsstörungen hatte (aus der Retrospektive heraus). Was den Schutzfaktor positive Emotionen als Resilienzfaktoren kennzeichnet, ist das gleichzeitige Wahrnehmen von sowohl negativen als auch den positiven Emotionen.

    Das „dynamische Affektmodell“

    Das dynamische Affektmodell, „dynamic Model of Affect“, findet heutzutage in der Resilienzforschung großen Anklang. Das Modell beschreibt, dass Menschen dazu in der Lage sind, sowohl positive als auch negative Eindrücke wahrzunehmen und parallel zu beachten. Zum Beispiel kann sich eine Person gleichzeitig über gutes Essen freuen, sich aber über den unbequemen Stuhl ärgern. Dies gilt für alltägliche Bedingungen, denn in stressigen Situationen sieht das potentiell anders aus.

    Wir neigen unter Stress dazu, den negativen Eindrücken mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das hängt mit unserer Biologie zusammen, denn Stress war evolutionstechnisch gesehen ein Programm zur Gefahrenabwehr. Und damit wir in Gefahr schnell handeln können ist unsere Informationsverarbeitung unter Stress stark eingeschränkt – sprich: negative Empfindungen haben Vorrang.

    Resiliente Menschen sind widerstandsfähiger gegen Stress, was bedeutet, dass sie auch in schwierigen Situationen einen breiten Fokus bewahren können. Resilienz bedeutet daher, auch unabhängig von den negativen Empfindungen positive Emotionen wahrzunehmen. Und das auch in Krisen.

    In mehreren Studien bestätigte sich das dynamische Affektmodell, wie beispielsweise bei Patientinnen und Patienten von Schmerzerkrankungen (Davis et. al 2004) oder nach Trauerfällen (Bananno u.a. 2007).

    Zudem stützte eine Studie nicht nur das dynamische Affektmodell, sondern zeigte auch, dass positive Emotionen zur Erholung bzw. zur Prävention von Erkrankungen beitragen. Dazu wurde eine Gruppe von Schlaganfallpatientinnen und –patienten in Hinblick auf das Erleben von positiven Emotionen untersucht. Dabei zeigte sich, dass der Schutzfaktor einen Anteil an der Genesung hatte (Ostir u.a. 2010).

    Zur Funktionalität von positiven Emotionen

    Emotionen haben für uns gleich mehrere Bedeutungen. 1980 wiesen die Stressforscher Lazarus, Kanner und Folkman darauf hin, dass Emotionen für uns wie eine Art psychologische Auszeit funktionieren. Denn sie helfen uns bei der Bewältigung und stärken unsere Ressourcen. Barbara Fredrickson erweiterte diesen Ansatz und entwickelte 1998 die „Broarden and built theory of positive emotions“.

    Sie griff hierfür auf Laborexperimente zurück, in denen sich zeigte, dass positive Emotionen dafür sorgen physiologische Erregung schneller herunter zu regeln. Das bedeutet, wenn der Körper kürzer im Vollkontakt mit dem Stress steht, werden ihm seine Ressourcen schneller zugänglicher. Dieser Zustand heißt „cognitive broadening“. Darin steckt, dass in stressigen Situationen mehr Gehirnkapazität für Kreativität, Flexibilität und Lösungsorientierung frei ist.

    Positive Emotionen haben also einen positiven Einfluss auf langfristige Bewältigungsstrategien und das Wohlbefinden, da sie Ressourcen gebildet und durch wiederholtes gelingendes Anwenden gestärkt werden.

    Problematiken!?

    Viele empirische Studien zeigen auf, dass positive Emotionen die Resilienz stärken und als Schutzfaktor gegen psychische und auch physische Krankheiten funktionieren. Einige Studien arbeiten allerdings mit dem „Life-Orientation-Test“. Dies ist ein Fragebogen, der nicht zur Erfassung von positiven Emotionen, sondern von Optimismus entwickelt wurde. Demnach lässt sich die Frage stellen, inwiefern dieser Schutzfaktor sich von dem Schutzfaktor Optimismus unterscheidet.

    Zudem kommt, dass der Ausdruck von positiven Emotionen uneindeutig sein kann und höchst individuell ist. Hier spielt das Prinzip der „expressive flexibility“, also Flexibilität von Ausdrücken, eine Rolle. Unter Umständen kann der Ausdruck von positiven Emotionen in einer unpassenden Situation an neue Verhältnisse gebraucht werden und damit zum gegenteiligen Effekt führen.

    Und schließlich stellt die Unterscheidung von aktivierenden positiven Emotionen (wie bspw. Freude, Interesse etc.) und nicht aktivierenden Emotionen (wie Zufriedenheit, Wohlbefinden etc.) eine Problematik dar. Denn psychologisch gesehen besteht dort ein großer Unterschied. Die meisten Studien beziehen sich auf die aktivierenden positiven Emotionen, sodass die Ergebnisse sich eher auf den Faktor der Motivation beziehen könnten.

    Resilienz stärken durch Schutzfaktor positive Emotionen

    Positive Emotionen sind also ein wichtiger Schutzfaktor, der unsere Resilienz stärkt. Aber wie lässt sich dieser stärken? Da es nicht um die Intensität der Emotionen geht, sondern um die Regelmäßigkeit ist ein erster, elementarer Schritt auch in alltäglichen Dingen positives zu sehen.

    Sie können ihre Wahrnehmung auf die Freuden des Alltags trainieren, indem sie zum Beispiel ein Dankbarkeitstagebuch führen. Halten Sie fest, was an diesem Tag gut war, was Sie nicht ändern wollen und wofür Sie dankbar sind. Durch diese kleine Übung lernen Sie, kontinuierlich positive Empfindungen wahrzunehmen, damit Sie auch schweren Lebensphasen „glücklich“ sein können.