Was ist das Kohärenzgefühl?

    Das Kohärenzgefühl ist zentraler Bestandteil der Salutogenese, die Lehre der Entstehung von Gesundheit. Dieser Ansatz stellt das Gegenteil zur Pathogenese (die Entstehung von Krankheit) dar und stammt von dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky. Der Schutzfaktor kann auch als Gefühl von Stimmigkeit beschrieben werden. Das bedeutet in diesem Zusammenhang eine Lebensorientierung, die sich aus drei Komponenten zusammensetzt. Der Verstehbarkeit, der Bewältigbarkeit und der Sinnhaftigkeit.

    Wissen Sie schon in welche Richtung es weitergehen darf?

    1. Verstehbarkeit: Das sind einerseits die Erwartungen, dass die Ansprüche des Lebens nachvollziehbar und vorhersehbar sind. Andererseits ist es ebenfalls die Fähigkeit, elementare Zusammenhänge im Leben einordnen zu können, um sie so zu verstehen.
    2. Bewältigbarkeit: Hierzu kann auch Handhabbarkeit oder Machbarkeit gesagt werden. Es bedeutet, dass der Mensch überzeugt ist über passende und ausreichende Ressourcen zu verfügen, um die Anforderungen zu bewältigen.
    3. Sinnhaftigkeit: Dies beschreibt die Überzeugung, dass die Anforderungen des Lebens Sinn machen. Zudem ist es der Glaube daran, dass das Bewältigen der Herausforderungen lohnend sei, sodass die Menschen mit einem hohen Gefühl der Sinnhaftigkeit eine größere Motivation aufweisen.

    Nach Antonovsky entwickelt sich das Kohärenzgefühl weitestgehend in der Kindheit und Jugend. Da es sich jedoch durch Lebenserfahrungen formt, können auch Erfahrungen im Erwachsenenalter Einfluss auf diesen Schutzfaktor haben.

    Wie wirkt das Kohärenzgefühl?

    Antonovsky (1997) beschreibt, dass Menschen mit einem ausgeprägten Kohärenzgefühl flexibel auf Probleme und Herausforderungen reagieren und die Fähigkeit besitzen, spezifisch passende Ressourcen zu aktivieren. Studien hierzu untersuchten, inwiefern dies sich auf belastende Lebenserfahrungen anwenden lässt und zur aktiven Herstellung von Gesundheit beiträgt.

    In einer Studie zu Müttern mit geistig behinderten Kindern führte ein hohes Gefühl von Stimmigkeit zu deutlich mehr positiven Emotionen (Al-Yagon, Margalit 2009), eine Studie zu Opfern schwerer Verkehrsunfälle zeigte auf, dass ein ausgeprägter Schutzfaktor hier zu einem geringeren Risiko posttraumatischer Belastungsstörungen und weniger Angst im Straßenverkehr führte (Frommberger u.a. 1999).

    Diese und weitere Studien stellen einen engen Zusammenhang von hohem Kohärenzgefühl und psychischem Wohlbefinden her. Antonovskys Annahme hierzu ist, dass Menschen, bei denen eine oder mehrere der Komponenten nur geringfügig gegeben ist, die Anforderungen im Leben eher als Stressor wahrnehmen. Der Schutzfaktor trägt also zu einer besseren Einschätzung von Bewältigung schwieriger Lebensumstände bei.

    Kohärenzgefühl als Schutzfaktor

    Obwohl in Studien ein signifikanter Zusammenhang von psychischer Gesundheit und Kohärenzgefühl nachgewiesen werden konnte, gibt es dennoch eine inkonsequente Beweislage für einen Schutzfaktor.

    In einer Studie zu Mobbing am Arbeitsplatz (Nielsen u.a. 2008) zeigte zwar einen protektiven Effekt auf, dieser trat allerdings nur bei eher geringen Maß an Mobbing auf. Ein großes Maß führte unabhängig vom Schutzfaktor zu einer hohen Belastung. Eine weitere Querschnittsstudie zu physischer Gewalt am Arbeitsplatz zeigte, dass die Opfer ein vergleichsweise geringes Kohärenzgefühl hatten und psychischer Belastung ausgesetzt waren, jedoch offenbarte ein hohes Gefühl von Stimmigkeit keinen protektiven Effekt (Hogh, Mikkelsen 2005).

    Zudem scheint das Kohärenzgefühl großen Einfluss durch Einkommen und Bildungsgrad zu nehmen. Beispielsweise zeigte eine Zufallsstichprobe im östlichen Kongo, dass ein hohes Stimmigkeitsgefühl schützend gegen die Entwicklung von Depression und psychischen Belastungsstörungen wirkte, allerdings hatten die Menschen mit weniger potentielle traumatische Erlebnisse und verfügten über ein höheres Einkommen sowie mehr Bildung (Pham u.a. 2010).

    Aufgrund der uneindeutigen Ergebnisse der Studien ist das Kohärenzgefühl ein umstrittener Schutzfaktor. Jedoch kann man sagen, dass es querschnittlich stark zur psychischen Gesundheit beiträgt und Symptome psychischer Störung mindert. Zudem ist es ein wichtiger Teil der Resilienz, und schützt so vor Stress.

    Kann das Kohärenzgefühl beeinflusst werden?

    Obwohl sich der Schutzfaktor, nach Antonovsky, vornehmlich bis zum 30. Lebensjahr bildet, kommen immer mehr Diskussionen auf, dass potentiell traumatische Erlebnisse negativen Einfluss nehmen können. Die kognitive Theorie von positiven und negativen Folgen von Traumata von Janoff-Bulmann (2006) beschreibt, dass besonders traumatische Erlebnisse durch Menschen initiiert eine enorme Auswirkung auf die Lebensorientierung der Opfer hat. So werden Sinnhaftigkeit, Verstehbarkeit und auch Bewältigbarkeit im Laufe des Lebens herabgesenkt.

    Ein Erklärungsansatz, der sowohl Schutzfaktor und Instabilität vereint ist, dass ein ausgeprägtes Kohärenzgefühl bei alltäglichen und chronischen Stressoren zwar protektiv wirkt, durch strake traumatische Ereignisse jedoch als Schutzfaktor nicht greift (Matthiesen u.a. 2008).

    Außerdem zeigen die Befunde neuerer Studien, dass ein niedriges Einkommen und ein geringer Bildungsgrad zu einem eher gering ausgeprägten Gefühl von Stimmigkeit führen (bspw. Neuner et al. 2006, Pham et al. 2010). Eine These hierfür ist, dass ein erhöhtes Risiko an kritischen Lebensereignissen und chronischen Stressoren, die sich auf das Kohärenzgefühl auswirken.

    Abschließend lässt sich sagen, dass das Kohärenzgefühl aktiv zur Entstehung von Gesundheit und Stärkung von Resilienz beiträgt. Im Alltag ist dies ein wichtiger Faktor, der allerdings bei enormen traumatischen Belastungen nicht umfassend schützend wirkt.