Der radikale Konstruktivismus

Wenn hier von Konstruktivismus die Rede ist, so ist der radikale Konstruktivismus gemeint. Dabei handelt es sich um eine Position aus der Erkenntnistheorie, begründet von Ernst von Glaserfeld. Die Grundannahme des radikalen Konstruktivismus ist es, dass die persönliche Wahrnehmung kein Abbild der Realität darstellt, sondern dass die Realität für jedes Individuum ein Konstrukt seiner Sinneswahrnehmungen und der Gedächtnisleistung ist.

Um es etwas einfacher auszudrücken: jeder Mensch erschafft sich durch seine Wahrnehmung seine eigene Welt. Das Radikale an dieser Theorie ist, dass die Objektivität der Welt unmöglich ist. Jegliche Wahrnehmung ist subjektiv, was auch zur Folge hat, dass es kein objektives Wissen gibt, sondern nur subjektiv konstruiertes Wissen.

Daher steht die Epistemologie (die Frage nach dem Zustandekommen von Wissen) dem Konstruktivismus hier entgegen. Von Glaserfeld umgeht das Problem des Objektiven, indem er den Begriff der Viabilität prägt. Damit ist gemeint, dass Wissen das „Ergebnis von Anpassung“ sei. So stellt sich nicht die Frage, ob es eine Wirklichkeit gibt, die für alle gültig ist. Denn es geht hierbei um die Gültigkeit der Wirklichkeitskonstruktion.

In meiner Welt – in deiner Welt

Für die Resilienz ist diese Grundannahme entscheidend. Zum einen hat die Annahme, die Wahrnehmung von Individuen sei verschieden, einen dissoziativen Effekt. Um die Wahrnehmung des Gegenübers zu verstehen, müssen wir uns in ihn hineinversetzen. Das fördert nicht nur gegenseitiges Verständnis, sondern trainiert und stärkt die eigene Empathie.

Außerdem hat es für die Kommunikation einen entscheidenden Vorteil. Durch das aktive Ansprechen: „In meiner Welt…“, wird die Innenansicht präsentiert. Resiliente Kommunikation ist dann möglich, wenn Empathie herrscht – sie kommt ohne Verallgemeinerungen aus.

Das Bewusstsein über die „eigene Welt“, also die eigene Repräsentation der Sinneswahrnehmungen in unserem Kopf, verschafft zusätzlich Selbstkontrolle. „In meiner Welt ist das Problem riesengroß. Wie sieht es in deiner Welt aus- wie sieht es mit deinen Augen aus?“ Dies ist ein sehr resilienter Gedankengang. Durch die Dissoziation können Herausforderungen aus anderen Blickwinkeln betrachtet werden und man nimmt so direkten Einfluss auf seine eigene Welt.

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