Was ist mit Religiosität und Spiritualität gemeint?

    Die Konstrukte Religiosität und Spiritualität lassen sich in empirischen Studien nur schwer erfassen. Deswegen werden sie von den Forschern auch unterschiedlich definiert. Allgemein lässt sich Spiritualität als die Suche nach dem Zweck des Lebens und den Glauben an Schicksal zusammenfassen. Es geht hierbei um das Gestalten eines Bedeutungsnetzes, das Kohärenz und Sinn stiftet.

    Religiosität hingegen ist das Annehmen eines bestimmten Glaubenssystems mit seinen Traditionen. Dazu gehört auch die aktive Teilnahme an den Aktivitäten und Ritualen innerhalb einer Glaubensgemeinschaft.

    Die genaue Abgrenzung beider Konstrukte ist nicht eindeutig. In früheren Studien wird eher die Religiosität untersucht, während heute vor allem die US-Amerikanische Autorenschaft den Begriff Spiritualität vorzieht. Dabei ist die genaue Erfassung davon noch nicht ausgereift (Bartlett u.a. 2003). Hier wird deshalb von Religiosität als Schutzfaktor gesprochen.

    Konzeptualisierung von Religiosität

    Für die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Glaube und psychischer Gesundheit reicht es nicht allein nach der Religionszugehörigkeit oder der subjektiven Bedeutung von Glaube zu fragen. Der Schutzfaktor setzt sich aus Überzeugungen und expliziten Verhaltensweisen zusammen.

    Intrinsisch und extrinsisch

    Für die Erfassung des Konstrukts unterschied Allport (1966) zwischen der intrinsischen und der extrinsischen Religiosität. Intrinsisch bedeutet die eigene, verinnerlichte Gläubigkeit, die allein aus traditionellen Gründen ausgeübt wird (religion as end). Die extrinsische dahingegen ist eher eine oberflächliche und auch zweckorientierte religiöse Orientierung, die beim Erreichen persönlicher und sozialer Ziele hilft (religion as means).

    Zudem gibt es verschiedene Dimensionen der Religiosität (Glock 1962). Das ist beispielsweise der Glaube an die Ideologie der speziellen Glaubensgemeinschaft und die Teilnahme an kollektiven oder individuellen Ritualen, wie der Gottesdienst oder das Gebet. Aber auch das eigene Interesse an den Glaubensinhalten, sowie religiöse Erfahrungen.

    Religiöses Coping

    Diese Ausführungen wurden von Pargament (1997) erweitert. Er sagt, es sei nicht entscheidend ob oder wie stark religiös eine Person sei, sondern eher, dass sie unter Stress religiöse Copingstrategien anwende. Hierbei geht es darum, welchen Einfluss die Überzeugungen auf Denken, Handeln und Fühlen haben.

    Pargament unterscheidet hierfür drei Copingstile: das „passive“ und das „kooperative“ Coping, und das Selbstmanagement. Die Stile unterscheiden sich dadurch, ob der Mensch eigenverantwortlich denkt und handelt, oder die Verantwortung an Gott abgibt.

    Die daran anknüpfenden Studien unterscheiden daran anlehnend zwischen einem positiven und einem negativen religiösen Coping. Positive bedeutet hier zwar eine enge Beziehung zu Gott und das Bitten um Hilfe, allerdings auch die Übernahme von Verantwortung. Negativ wird hier die Verbindung von negativen Erlebnissen mit der Strafe oder Prüfung Gottes bewertet (Pargament u.a. 1998).

    Religiosität als Schutzfaktor

    Religiosität und Spiritualität sind Faktoren die Schutz bieten und Resilienz verbessern.

    Die Studien zum Zusammenhang von Religiosität und psychischer Gesundheit ergeben insgesamt kein eindeutiges Bild als Schutzfaktor. Beispielsweise zeigte sich in einer Studie von Lee und Kollegen (2008) über koreanische Immigrantinnen in den USA nur einen schwachen Zusammenhang von Glaube und Resilienz, während in einer Studie zu Psychosomatikpatientinnen und -patienten keine Verbindung festgestellt wurde (Tagay u.a. 2006).

    In einem umfassenden Review zu Glaube und Gesundheit (Koenig u.a. 2001) wird allgemein festgehalten, dass Religiosität zu mehr Lebenszufriedenheit, Hoffnung und positiven Emotionen führt. Zudem hat es eine geringere Suizidalität und weniger Bluthochdruck zur Folge. In einer Studie zu religiösen Eltern, die ein Kind verloren hatten, zeigte sich, dass diese geringer psychisch belastet waren und ihre Gesundheit besser einschätzten (Murphy 2003) und eine Studie zu pflegenden Angehörigen von Demenzkranken zeigte, dass Religiosität hier zu signifikant weniger Depression führt (Hebert u.a. 2007).

    Die darüber hinaus auch vorkommenden negativen Befunde zu dem Zusammenhang lassen sich durch die Problematik des Messens erklären. Pargament und Cummings (2010) beschreiben die erhobenen Korrelationen von Religiosität und Gesundheit als Ergebnis von „Stressmobilisierung“. Dies zeigt sich in einer Studie zu über 600 schwer traumatisierten Menschen. Jene, die sich als sehr religiös einschätzen, waren auch am stärksten belastet (Connor, Davidson, Lee 2003).

    Religiosität und andere Schutzfaktoren

    Der Schutzfaktor Religiosität hat allerdings nicht nur alleinstehend eine protektive Wirkung, sondern steht auch in Wechselwirkung mit anderen Schutzfaktoren. Beispielsweise zeigt eine Studie zu den Terroranschlägen 2005 auf die Londoner U-Bahn, dass Glaube einen großen Einfluss auf den Schutzfaktor der positiven Emotionen hatte (Bux, Coye 2009).

    Neben diesem Schutzfaktor spielt auch die soziale Unterstützung eine wichtige Rolle bei Religiosität. So zeigten Pargament und Cummings (2010) bei US-Amerikanischen Studien auf, dass gläubige Menschen ein größeres soziales Netzwerk haben und auch eine qualitativ höhere soziale Unterstützung wahrnehmen. Dies lässt sich dagegen nicht unproblematisch auf Deutschland übertragen, denn hier hat die Religiosität einen eher privaten Charakter. Obwohl rund 70% einer Religion angehören gehen unter 10% wöchentlich zum Gottesdienst. In den USA sind es 55% (Gallup Organisation 2010).

    Wie wirkt Religiosität?

    Wie eine Reihe von Studien zeigte, neigen religiöse Menschen unter Stress eher zu aktiven Bewältigungsstrategien (Friedman u.a. 2007; Mehnert u.a. 2003). Zudem scheint religiöses Coping gerade dann zu wirken, wenn der empfundene Stress besonders hoch ist (Dörr 2004). Es zusätzlich einen Unterschied zwischen dem Umgang mit kritischen Lebensereignissen und chronischen Belastungen zu geben. Beispielsweise zeigte sich in einer Studie, dass gläubige Menschen mit Brustkrebs effektiver religiöses Coping anwendeten als Schmerzpatientinnen und -patienten, obwohl bei Letzteren die Belastung durch tägliche Einschränkung höher scheint.

    Die inkonsequenten Befunde machen eine eindeutige Einordnung des Schutzfaktors schwierig. Zumal Religiosität das Potential zum Risikofaktor hat. So kann das Hadern mit Gott und dem eigenen Glauben in kritischen Lebensphasen zusätzlich belastend sein. Eine Studie zum Tod des eigenen Kindes zeigte, dass die Interpretation als Strafe Gottes deutlich mit depressiven Symptomen einherging (Znoj et al. 2004).

    Zusammenfassend bedeutet Religiosität als Schutzfaktor der Glaube an einen durch Gott gegeben Sinn im Zusammenhang mit Eigenverantwortlichkeit und aktiven Bewältigungsstrategien. Positive Emotionen und soziale Unterstützung wirken hierbei zusätzlich protektiv.